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5,56 Millionen Wildbienen unter einem Friedhof in Ithaca: Andrena regularis sorgt für Staunen

Junger Mann pflanzt Blumen auf einem gepflegten Friedhof bei Tageslicht.

Unter einem scheinbar ganz gewöhnlichen Friedhof in den USA liegt ein Naturereignis verborgen, das selbst routinierte Biologinnen und Biologen staunen lässt.

Zwischen Grabsteinen, Wegen und kurz gehaltenem Rasen haben Forschende etwas gefunden, das so gar nicht zum Bild eines „Ruheorts“ passen will: Seit Jahrzehnten lebt dort unbemerkt eine riesige Menge Wildbienen im Boden. Was sich wie die Kulisse eines Mystery-Films anhört, erweist sich als eine der grössten bekannten Ansammlungen bodennistender Bienen – und zugleich als deutlicher Hinweis darauf, wie wichtig städtische Grünflächen für den Artenschutz sein können.

Ein stiller Friedhof, ein gewaltiger Schwarm

Gefunden wurde das Phänomen auf dem East Lawn Cemetery in Ithaca im US-Bundesstaat New York. Oberirdisch wirkt die Anlage unspektakulär: Bäume, Rasenflächen, Wege, ältere Grabsteine. Unter der Grasnarbe zeigt sich jedoch ein völlig anderes Bild. Nach aktuellen Berechnungen leben im Erdreich rund 5,56 Millionen Bienen der Art Andrena regularis.

Anders als Honigbienen bauen diese Tiere weder Waben noch bewohnen sie klassische Bienenstöcke. Jede Biene gräbt ihre eigene Röhre und nutzt sie als Nest. Für Besucherinnen und Besucher bleibt das fast komplett verborgen – wer über den Friedhof geht, merkt in der Regel nicht, dass direkt unter den Füssen eine regelrechte Insekten-Metropole aktiv ist.

Unter einem einzigen Friedhof im US-Norden lebt eine Bienenmenge, die über 180 normale Honigbienen-Völker ersetzen könnte.

Das Team der Cornell University beobachtete den Friedhof schon länger. Bekannt ist, dass Andrena regularis dort mindestens seit den 1930er-Jahren vorkommt. Doch die Populationsgrösse hatte zuvor niemand systematisch erfasst. Erst eine strukturierte Untersuchung im Frühjahr 2023 machte sichtbar, wie gewaltig die Ansammlung tatsächlich ist.

Wie Forschende auf die 5,56 Millionen kamen

Damit die Zahlen mehr sind als eine grobe Vermutung, setzten die Forschenden sogenannte „Emergenzfallen“ ein. Das sind vereinfacht Zelt- oder Kuppelkonstruktionen, die über klar abgegrenzten Bodenflächen stehen. Alles, was dort aus dem Boden schlüpft, wird erfasst, sodass die Bienen gezählt werden können.

Über etwa sechs Wochen wurden diese Fallen über das gesamte Friedhofsgelände verteilt. Aus der Zahl der gefangenen Bienen, der exakt vermessenen Fläche und der Dauer des Schlupfzeitraums wurde anschliessend die Gesamtpopulation hochgerechnet.

  • Untersuchte Fläche: etwa 6.500 Quadratmeter
  • Zeitraum: Frühjahr 2023, rund sechs Wochen
  • Geschätzte Gesamtzahl: 5,56 Millionen Bienen
  • Art: Andrena regularis, bodennistende Solitärbiene

Zum Vergleich: Ein übliches Honigbienen-Volk erreicht in der Hauptsaison ungefähr 30.000 Individuen. Die Bienen unter dem Friedhof liegen damit in der Grössenordnung von mehr als 180 solchen Völkern – und das auf relativ begrenztem Raum.

Rekordwerte im globalen Vergleich

Dass bodennistende Bienen sehr dichte Ansammlungen bilden können, ist in der Forschung grundsätzlich bekannt. Untersuchungen aus den USA und Brasilien beschrieben bereits hohe Dichten, doch die nun für Ithaca gemeldeten Werte übertreffen diese Fälle deutlich.

Standort Land Geschätzte Bienenanzahl
Friedhof in Ithaca USA 5,56 Millionen
Standort in Arizona USA ca. 1,6 Millionen
Standort in New York (anderer Ort) USA ca. 651.000
Standort in Brasilien Brasilien ca. 13.500

Bereits 1,6 Millionen Bienen an einem Ort galten bisher als aussergewöhnlich. In der Fachliteratur steht der Friedhof in Ithaca nun ganz oben unter den bekannten Beispielen – möglicherweise handelt es sich aktuell um das grösste systematisch erfasste Aggregat bodennistender Bienen weltweit.

Die Forschenden gehen davon aus, dass es weitere derart große Kolonien gibt, die niemand bemerkt, weil sie leise unter der Erde arbeiten.

Warum gerade ein Friedhof ideale Bedingungen bietet – Andrena regularis profitiert davon

Auf den ersten Blick scheint ein Friedhof kein typischer Ort für ein Insektenparadies zu sein. Doch ausgerechnet die übliche Nutzung schafft Bedingungen, die bodennistenden Arten entgegenkommen:

  • Ruhiger Boden: kaum schwere Maschinen, seltene Erdarbeiten, wenig Bodenversiegelung.
  • Offene Rasenbereiche: nicht überall dichter Bewuchs, sondern Abschnitte mit lockerem, besonntem Boden.
  • Lange Kontinuität: Friedhöfe bleiben häufig über viele Jahrzehnte, teils Jahrhunderte, in ähnlicher Struktur erhalten.

Genau solche Voraussetzungen brauchen bodennistende Bienen: offene, möglichst wenig verdichtete Erde, die nicht ständig umgegraben wird. Dort legen sie kleine Röhren an, in denen sie Pollenvorräte deponieren und ihre Larven aufwachsen.

Andrena regularis lebt zwar solitär – jedes Weibchen baut ein eigenes Nest –, sucht aber gern die Nähe anderer Individuen. So entstehen dichte „Bienenstädte“ aus tausenden bis Millionen Einzelnestern, ohne dass ein zentrales Volk existiert.

Solitärbienen – die unterschätzten Bestäuber

Wenn in Deutschland von „den Bienen“ gesprochen wird, denken viele Menschen fast automatisch an Honigbienen und Imkerei. Fachleute betonen seit Jahren, dass dieses Bild nur einen kleinen Teil der Realität abdeckt.

In den USA nisten rund 70 Prozent aller Bienenarten im Boden. Ähnliche Verhältnisse finden sich auch in grossen Teilen Europas. Der grösste Anteil davon sind Solitärbienen: Sie bilden keine Staaten, produzieren keinen Honig für den Menschen, leisten aber bei der Bestäubung von Wildpflanzen – und teils auch von Nutzpflanzen – besonders viel.

Bodennistende Solitärbienen tauchen in keiner Honigstatistik auf, tragen aber massiv zur Ernte und zur Stabilität von Ökosystemen bei.

Viele Wildpflanzen sind auf bestimmte Bienenarten spezialisiert. Gehen solche Spezialisten verloren, geraten ganze Pflanzengemeinschaften unter Druck. Die Millionen Wildbienen unter dem Friedhof in Ithaca verdeutlichen, welches verborgene Potenzial solche Flächen für den Schutz der Artenvielfalt besitzen.

Was Städte und Gemeinden daraus lernen können

Die Studie lässt Friedhöfe als ökologische Ressource in einem neuen Licht erscheinen. Vergleichbare Strukturen gibt es auch in Deutschland: grosszügige, ruhige Anlagen mit teils altem Baumbestand und mageren Rasenflächen. Zahlreiche Kommunen erproben bereits naturnähere Pflegeansätze.

Wer Wildbienen unterstützen möchte, muss nicht jede brachliegende Fläche zur Blumenwiese umgestalten. Für bodennistende Arten sind vor allem diese Punkte entscheidend:

  • weniger Bodenversiegelung und Pflasterflächen
  • offene Bodenstellen oder nur eine dünne Grasnarbe
  • Verzicht auf häufiges Fräsen und tiefes Umgraben
  • zurückhaltender Einsatz von Pestiziden

Gerade auf Friedhöfen können Blühstreifen, extensiv gepflegte Bereiche sowie offene Sand- oder Lehmpartien sinnvoll integriert werden, ohne Pietät und Ruhe zu beeinträchtigen. Einige Städte, etwa Berlin und Hamburg, verfolgen bereits das Konzept „Friedhof als Biotop“ – Ergebnisse wie die aus Ithaca liefern dafür gewichtige Argumente.

Warum so wenige von diesen Bienen wissen

Dass solche Ansammlungen lange unterschätzt wurden, hat viel mit Sichtbarkeit zu tun: Honigbienen und Hummeln fallen an Blüten, auf Balkonen oder in Gärten schnell auf. Bodennister hingegen verschwinden binnen Sekunden in ihren Röhren und haben häufig nur kurze Flugzeiten im Frühjahr.

Ausserdem richtete sich Forschung über lange Zeit stärker auf wirtschaftlich bedeutsame Arten wie die Honigbiene. Solitärbienen werden erst seit einigen Jahren intensiver untersucht, etwa mit Blick auf Bestäubungsleistungen in Obst- und Beerenkulturen.

Für Laien sehen die kleinen Öffnungen im Boden oft wie Ameisen- oder Wespennester aus. Viele laufen achtlos daran vorbei oder zerstören Nester beim Umgraben. Genau hier setzen Fachleute an: Sie werben für mehr Aufmerksamkeit – und für etwas Gelassenheit gegenüber „Löchern im Rasen“.

Was Hobbygärtner konkret tun können

Die Mega-Ansammlung unter dem Friedhof wirkt spektakulär, ist aber vermutlich nur ein sichtbarer Hinweis auf ein viel grösseres, oft übersehenes Potenzial. Auch in deutschen Vorgärten, Schrebergärten oder auf Brachflächen können sich erstaunlich dichte Bestände entwickeln, wenn die Bedingungen passen.

  • Kleine Sand- oder Kiesbereiche im Garten anlegen und unbepflanzt lassen.
  • Einzelne „unordentliche“ Ecken zulassen, in denen der Boden offen bleibt.
  • Frühjahrsblüher und heimische Wildstauden setzen, die Pollen liefern.
  • Nester im Boden respektieren und nicht gezielt zerstören.

Wer im Frühling genauer hinsieht, entdeckt häufig reges Treiben direkt am Boden: winzige Bienen, die mit Pollenhöschen in kleine Eingänge verschwinden. Das ist kein Anlass zur Sorge, sondern ein Hinweis auf ein gesundes Mikro-Ökosystem in der unmittelbaren Umgebung.

Die Werte aus Ithaca zeigen, wie viel Leben unter scheinbar gewöhnlichen Flächen stecken kann. Friedhöfe, Brachen, Wegraine und trockene Rasenstücke können zu stillen Hotspots der Artenvielfalt werden – wenn man ihnen den Raum lässt. Für den Schutz von Bestäubern lohnt sich der Blick nach unten mindestens ebenso wie der Blick in die Baumkronen.

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