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Hundebesuche auf der Intensivstation: aktuelle Studie „PET in Intensive Care Unit“ in Clermont-Ferrand

Golden Retriever mit Tag am Halsband in einem Krankenhausbett, gestreichelt von einer Pflegekraft

Die Grundidee setzt bewusst auf Nähe statt Technik: Menschen auf der Intensivstation sollen ihren eigenen Hund wiedersehen können. Nicht als seltene Sondergenehmigung, sondern als klar geregeltes Angebot, das wissenschaftlich überprüft wird. Ein großes Krankenhaus im französischen Clermont-Ferrand untersucht derzeit, ob sich solche Besuche unter Intensivbedingungen sicher organisieren lassen – und ob sie die psychische Verfassung der Patientinnen und Patienten messbar stabilisieren.

PET in Intensive Care Unit in Clermont-Ferrand: Wenn der Klinikalltag alles zerreißt – und nur der Hund bleibt

Für viele Betroffene ist die Verlegung auf eine Intensivstation ein einschneidender Schock. Plötzlich dominieren Monitore, Alarme und Schläuche den Tagesrhythmus. Tageslicht, vertraute Geräusche und die unmittelbare Nähe zu Angehörigen treten in den Hintergrund. Viele berichten in dieser Situation von Angst, Kontrollverlust und einem ausgeprägten Gefühl von Isolation.

Genau an diesem Punkt setzt eine Studie am Universitätsklinikum Clermont-Ferrand an. Das Vorhaben heißt „PET in Intensive Care Unit“ – ausgeschrieben „Pets Enhancing Therapeutics in Intensive Care Units“. Sinngemäß geht es darum, Haustiere als Unterstützung der Behandlung auf der Intensivstation einzubinden.

Im Kern steht eine Frage: Kann der Kontakt zum eigenen Hund dabei helfen, eine der belastendsten Phasen einer schweren Erkrankung emotional besser zu bewältigen? Ärztinnen, Ärzte und Pflegeteams beobachten seit Jahren, wie stark Patientinnen und Patienten auf Fotos, Videos oder Erinnerungen an ihre Tiere reagieren. Nun soll erstmals strukturiert geprüft werden, ob echte Besuche nachvollziehbare Effekte zeigen.

Zwischen Schläuchen und Monitoren soll ein vertrauter Vierbeiner wieder ein Stück Normalität zurückbringen – ohne die Sicherheit der Patienten zu gefährden.

Beteiligt sind mehrere Intensivstationen des Klinikums: eine Erwachsenen-Intensivstation, eine medizinisch-chirurgische Einheit sowie eine neurologische Intensivstation. Angestoßen wurde das Projekt im Rahmen einer Doktorarbeit und fachlich von einem Professor für Intensivmedizin begleitet. Expertise aus Anästhesie, Pflege, Hygiene und Forschung fließt dabei eng verzahnt zusammen.

Strenges Protokoll: Erst wenn der Hund sicher ist, darf er an das Bett

Mit guter Absicht allein ist es nicht getan. Bevor überhaupt über Empfehlungen im größeren Maßstab nachgedacht werden kann, muss die entscheidende Sicherheitsfrage beantwortet werden: Ist ein Hundebesuch in einem Hochrisikobereich wie der Intensivstation unter realen Bedingungen überhaupt verantwortbar?

Dafür hat das Team ein umfassendes Ablauf- und Hygienekonzept erstellt. Als Erfolg gilt die Studie nur dann, wenn sich unter den teilnehmenden Hunden mindestens acht von einundzwanzig unter diesen strikten Voraussetzungen tatsächlich in ein Patientenzimmer begleiten lassen – ohne ein Gesundheitsrisiko für Mensch oder Tier.

Die Vorarbeiten sind entsprechend umfangreich. In die Umsetzung eingebunden sind unter anderem:

  • eine Tierärztin einer Hochschule für Veterinärmedizin, die die Gesundheitskontrollen der Hunde übernimmt,
  • ein professioneller Hundetrainer, der die Tiere einschätzt und außerdem das Klinikpersonal schult,
  • Hygienefachkräfte sowie das Hygienekomitee des Krankenhauses,
  • freiwillige Pflegeteams der beteiligten Intensivstationen.

Den Forschenden geht es später nicht nur darum, ob sich Besuche organisatorisch überhaupt abbilden lassen. Gelingt die sichere Durchführung, sollen in Folgeprojekten auch Stimmung, Angstniveau, Schmerzempfinden und Phasen von Verwirrtheit (Delir) der Patientinnen und Patienten gezielter ausgewertet werden. So könnte sich zeigen, ob Tierkontakt zu einem festen Bestandteil moderner Intensivmedizin werden kann.

Hygiene, Verhalten, Stress: Nicht jeder Hund eignet sich

Wer nun denkt, es gehe nach dem Motto „einfach kurz den Hund mitbringen“, liegt deutlich falsch. Der Zutritt zur Intensivstation bleibt streng reguliert. Nur Tiere, die eine ganze Reihe definierter Anforderungen erfüllen, dürfen überhaupt in die Nähe eines Patientenbetts.

Gesundheitliche Vorgaben für die Vierbeiner

Die Kriterien wirken wie ein kompakter tierärztlicher Prüfplan:

  • Sämtliche Standardimpfungen müssen auf dem aktuellen Stand sein – besonders gegen Tollwut, Leptospirose, Staupe, Hepatitis und Parvovirose.
  • Spätestens 48 Stunden vor dem Besuch muss der Hund entwurmt worden sein.
  • Jede ansteckende Erkrankung – auch scheinbar geringe Auffälligkeiten – führt zum sofortigen Ausschluss.

Der Gesundheitsstatus wird von der Tierärztin detailliert dokumentiert. Erst nach ihrer Freigabe kann der nächste Schritt erfolgen.

Verhaltenstest statt Kuschelalarm

Ebenso entscheidend ist das Verhalten. Ein Hund, der zu Hause ausgeglichen und freundlich ist, kann in einer fremden, geräuschintensiven Klinik ganz anders reagieren. Deshalb überprüft der Hundetrainer unter anderem:

  • Bleibt der Hund ruhig, wenn ihn fremde Personen anfassen?
  • Hält er ungewöhnliche Geräusche, Gerüche und Bewegungsabläufe aus?
  • Zeigt er sich grundsätzlich freundlich und nicht aggressiv – auch unter Belastung?
  • Verkraftet er es, das Zuhause zu verlassen und über längere Zeit angeleint zu bleiben?

Nur Tiere, die diese Prüfungen bestehen, kommen überhaupt für den Zutritt in die Nähe eines Intensivzimmers infrage. Die Halterinnen und Halter erhalten vorab konkrete Hinweise, wie sie ihren Hund an Leine, Maulkorb (falls nötig) und die ungewohnte Umgebung heranführen.

Damit der Hund nicht schockiert: Geruchstraining für das Tier

Ein eher ungewöhnlicher Bestandteil des Protokolls betrifft die Vorbereitung auf der Geruchsebene: Noch bevor der erste Besuch stattfinden kann, erhält die Familie ein Tuch, das die typischen Gerüche der Intensivstation trägt. Dieses Tuch bleibt dann mehrere Tage beim Hund zu Hause.

Der Grund ist naheliegend: Kliniken riechen für Tiere oft extrem fremd – nach Desinfektionsmitteln, Medikamenten, Kunststoff und Technik. Das Geruchstraining soll den ersten Kontakt weniger belastend machen. Der Hund betritt zwar einen neuen Ort, nimmt die Umgebung aber nicht als vollständig unbekannt wahr.

Schon bevor der Hund die Klinik betritt, „lernt“ seine Nase die Intensivstation kennen – Stress für das Tier soll so reduziert werden.

Was während und nach dem Besuch passiert

Kommt es tatsächlich zum Besuch, ist der Ablauf eng geführt. Die beteiligten Pflegeteams bereiten sowohl das Zimmer als auch die Patientin oder den Patienten sorgfältig vor.

Phase Maßnahmen
Vor dem Besuch Zugänge und Schläuche abdecken, sensible Geräte absichern, Hygieneregeln mit der Familie verbindlich durchgehen
Während des Besuchs Hund bleibt an der Leine, eine Aufsicht beobachtet durchgehend, Kontakt nur in Bett- oder Stuhlnähe
Nach dem Besuch Bettwäsche und Patientenhemd wechseln, teils Verbände erneuern, Zimmer gründlich reinigen

Der Aufwand ist beträchtlich – und genau das ist Teil der Untersuchung: Ist dieser Prozess im normalen Stationsalltag dauerhaft leistbar? Wie viel Zeit bindet er? Wie bewerten Hygienefachkräfte, Pflegekräfte sowie Ärztinnen und Ärzte die Umsetzung?

Mehr Menschlichkeit im Hightech-Bereich Intensivstation

Die Studie steht zugleich für eine breitere Entwicklung: International versuchen Kliniken, Intensivstationen menschlicher zu gestalten. Viele Häuser haben Besuchszeiten ausgeweitet, Rückzugs- oder Fensterbereiche geschaffen oder Angebote wie Musiktherapie ermöglicht. Tierbesuche könnten in dieser Logik ein weiterer Baustein sein.

Das Krankenhaus in Clermont-Ferrand bezeichnet das Vorhaben als eine „nicht medikamentöse Form der emotionalen Unterstützung“. Gemeint ist: Der Hund ersetzt keine medizinische Therapie, kann aber als seelische Stütze zusätzlich zur Behandlung wirken.

Aus Angehörigensicht ist das nachvollziehbar: Nicht selten war der Hund vor der Erkrankung der wichtigste soziale Bezugspunkt. In manchen Haushalten ist der Vierbeiner sogar das einzige „Familienmitglied“, das dauerhaft präsent ist. Gerade in Extremsituationen kann es für Betroffene enorm bedeutsam sein, dieses vertraute Tier zu sehen.

Ein vertrauter Blick, eine nasse Nase, ein wedelnder Schwanz – solche Kleinigkeiten können in Krisenzeiten mehr bewirken als jedes Bildschirmprogramm.

Welche Chancen und Risiken Fachleute sehen

Psychologisch erscheinen mögliche Vorteile plausibel:

  • Patientinnen und Patienten fühlen sich weniger allein und behalten eine Verbindung zur vertrauten Lebenswelt.
  • Angst und innere Anspannung können nachlassen; Stresshormone könnten möglicherweise sinken.
  • Positive Gefühle können Motivation und aktive Mitwirkung an der Therapie unterstützen.
  • Bei Verwirrtheit oder Desorientierung kann ein emotional bedeutsamer Bezugspunkt Orientierung geben.

Dem stehen Risiken gegenüber, vor allem Infektionsgefahren, Allergien und Sicherheitsaspekte. Genau deshalb setzt das Protokoll auf maximale Hygiene, engmaschige tierärztliche Kontrollen und klare Abbruchregeln, falls sich eine Situation ungünstig entwickelt. Erst wenn in der Studie kein relevanter Zwischenfall auftritt, wäre eine breitere Anwendung überhaupt denkbar.

Was das Projekt für andere Kliniken bedeuten könnte

Kann das Team in Clermont-Ferrand zeigen, dass sich Hundebesuche sicher und praktikabel umsetzen lassen, könnte aus dem Pilotprojekt Material wie Schulungskonzepte, Checklisten und präzise Empfehlungen entstehen. Für deutsche Kliniken, die Intensivstationen menschlicher gestalten wollen, wäre das eine Art Vorlage.

Mit Blick auf eine alternde Gesellschaft und viele allein lebende Menschen dürfte das Thema eher an Bedeutung gewinnen. Für manche Patientinnen und Patienten ist der Hund das emotionale Zentrum des Alltags. Wenn medizinische Versorgung künftig noch stärker Lebensqualität berücksichtigt, rückt dieser Aspekt zwangsläufig stärker in den Fokus.

Damit würden Begriffe wie „Tiergestützte Therapie“ sehr konkret: Nicht nur speziell ausgebildete Therapiehunde besuchen Reha-Bereiche, sondern das ganz persönliche Tier eines Menschen, der um sein Leben kämpft. Ob das tatsächlich hilft, müssen belastbare Daten zeigen. Dass viele Betroffene sich genau das wünschen, ist dagegen längst sichtbar.

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